Von Peter Ruch (Radical-Mag).
Als Porsche 1977 den 928er auf den Markt brachte, da sträubten sich den eingefleischten Porsche-Fahrern die Nackenhaare. Bis heute wird der futuristische Entwurf unterschätzt.

Porsche, das ist der 911er. Das war immer so, das ist auch heute so, und es wird so bleiben, wenn dann Anfang des nächsten Jahres die neue Generation, intern 991 genannt, auf den Markt kommen wird. Für die «Gusseisernen» – so werden die 911er-Verfechter in Stuttgart genannt – kann es neben dem 911er gar nichts geben, auch wenn Porsche unterdessen längst mehr Viertürer (Cayenne, Panamera) als
Zweitürer (911, Cayman, Boxster) verkauft.
Was will der denn hier?
Als der Porsche 928 im Jahr 1977 auf den Markt kam, da wurde er von den eingefleischten Porsche-Fans zuerst einmal als Gegner betrachtet. Damals hatten die 911er-Piloten immer ein bisschen Angst, dass ihr Held – luftgekühlter Sechszylinder im Heck, Karosserie wie ein platter, aufgeblähter Käfer – eines Tages das Zeitliche segnen könnte, denn die Konstruktion war so neu ja nicht mehr. Und der 928er, mit einem wassergekühlten V8 vorne, dem Getriebe hinten, dem futuristischen Design, der hätte nach Meinung der Porsche-Führungsetage zwar kein Nachfolger des 911er sein sollen, aber doch ebenbürtig, in der Modell-Hierarchie zumindest auf gleicher Stufe. Wir wissen: Es kam anders. Der 911er ist frisch und froh wie immer, der 928er längst tot.
Technisch nichts vorzuwerfen
Vielleicht ging Porsche damals einfach einen Schritt zu weit. Rein technisch gab es dem 928er gar nichts vorzuwerfen, ausser vielleicht, dass die erste Version mit 240 PS ein bisschen schwach auf der Brust war. An der Entwicklung war übrigens auch ein gewisser Ferdinand Piëch beteiligt. Doch sonst war unter dem Blech alles vom Feinsten, Transaxle-Bauweise (Motor vorne, Getriebe hinten, was eine edle Gewichtsverteilung ergibt), dazu gab es eine vollkommen neue Hinterachse (bekannt als die Weissach-Achse), welche die Neigung zum Übersteuern beim Gaswegnehmen in der Kurve (was manch ein unbedarfter Lenker ja gerne macht) deutlich verringerte. Er war gut zu fahren, erstaunlich agil, obwohl er doch von ausladender Grösse war. Und man darf nicht vergessen: 1978 wurde der 928er zum Auto des Jahres gewählt. Und auch bei der Kundschaft kam er recht gut an, es gab ziemlich lange Lieferfristen, obwohl der Wagen deutlich teurer war als ein 911er.
Dieses Design...
Aber dann war da halt das Design. Porsche-Chefdesigner Anatole Lapine gab dem 928er eine sehr futuristische Form mit auf den Weg, vorne schlank, hinten massiv, Klappscheinwerfer, keine Stossstangen. Er sagte: zeitlos, ich bin nicht der Mode verpflichtet. Was auch irgendwie stimmte, denn vom ersten Entwurf bis zum Serienprodukt dauerte die Entwicklung neun Jahre. Die Puristen unter den Porsche-Fahrern sagten: fett und hässlich. Vor allem das Heck polarisierte. Und dann sei da auch kein Sound. Und eben, wie schon erwähnt, zu wenig Kraft.
Also legte Porsche schon 1979 nach, mit dem 928 S. Der hatte bereits 300 PS, marschierte in 6,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h (der normale 928er brauchte 0,2 Sekunden mehr) und war 250 km/h schnell. Das war vor mehr als 30 Jahren die ganz grosse Ansage, 250 km/h, eines der schnellsten Autos der Welt; heute schafft das schon ein VW Passat Variant. Doch wieder maunzten die «Gusseisernen», der 911 Turbo sei halt schon viel besser, weil viel schneller, und überhaupt.
Der normale 928er musste 1981 sterben, der S wurde weiterentwickelt. 1983 gab es eine Bosch-LH-Jetronic-Einspritzung und damit bereits 310 PS. 1984 kam, gegen Aufpreis, das ABS. Und 1985 der S4 mit vier Ventilen pro Zylinder. Und der sah dann mit seinen breiteren Radkästen, dem Heckflügel und den neuen Felgen um Lichtjahre besser aus als die Ur-Variante. Und immer gab Porsche noch eins drauf, 1989 den GT mit 330 PS, 1991 als letzte Ausbaustufe den GTS mit 350 PS, der 275 km/h ging und in 5,7 Sekunden von 0 auf 100 km/h war. Damit war der 928er dann das, was er von Anfang an hätte sein sollen: nicht ein Konkurrent zum 911er, sondern ein grossartiger Gran Turismo. Er blieb bis 1995 im Angebot, dann war Schluss: 61'056 Exemplare vom 928er wurden gebaut.
Fährt sich wie ein altes Auto
Bis vor wenigen Jahren gab es frühe 928er für ein Butterbrot. Und doch wollte sie niemand, sie verrotteten in der hintersten Reihe beim Gebrauchtwagen-Händler. Das hatte schon seinen Grund, so ein normaler 928er fährt sich wie ein altes Auto. Zu wenig Kraft, zu unpräzis für sportliches Fahren. Und doch, es waren halt noch gute Zeiten, als die Automobile noch nicht fahrende Computer waren, als der Fahrer noch verantwortlich dafür war, was sein Gefährt machte, als die Mechanik noch etwas wert war. Er ist etwas gar weich gefedert, doch das verbessert den Langstrecken-Komfort, wobei, innen gab es den 928er mit sehr psychedelischen Sitzmustern, die erträgt man auf Dauer kaum. Komische Farben gab es auch, ein fieses Gold etwa oder ein ganz sanftes Pastellgrün.
Die stärkeren Varianten ab dem 928 S zeigten sich dafür immer einigermassen wertstabil. Und die späten GTS, auch qualitativ auf einem hohen, zu Porsche passenden Niveau, sind sehr gesucht – und entsprechend teuer. Zu wahren Sammler-Überfliegern werden sie aber nie werden, dafür gibt es zu viele – und die «Gusseisernen» haben ihn halt immer noch nicht als einen der ihren akzeptiert.
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(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)



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